„Effizienzen, auf die niemand mehr verzichten mag“

Dirk Kruse, Senior Vice President und Leiter Service Industries bei SAP Deutschland

Ein Bericht von Nicole Pollakowsky | 21.04.2021

Dirk Kruse ist als Senior Vice President und Leiter Service Industries bei SAP Deutschland auch zuständig für den Bereich Banken und Versicherungen. Was hat sich mit der Covid-Krise für ihn verändert? Vor welchen künftigen Herausforderungen sieht er die Finanzbranche? Ein Gespräch über den blauen Himmel, volle Homeoffice-Tage und ein neues digitales Miteinander.

Dirk Kruse

Herr Kruse, „Morgen braucht Zuversicht“ ist das Motto unseres diesjährigen Geschäftsberichts. In den vergangenen Monaten war es nicht immer einfach zuversichtlich zu bleiben. Wie erleben Sie die Pandemie-Situation?

Dirk Kruse: Die Krise kam 2020 ja mit einem Paukenschlag. Anfang März war ich noch mit meiner Frau auf einem geschäftlichen Event an der Westküste der USA. Natürlich haben wir dort auch die Medienberichte verfolgt. Aber wir sind davon ausgegangen, dass alles an uns vorbeiziehen würde, wie ja schon in so vielen Krisen in der Vergangenheit. Bei unserer Rückkehr sind wir dann quasi direkt in den ersten Lockdown geraten. Das war zu Beginn natürlich erstmal eine Umstellung – im Privaten und in den ersten Wochen auch im Berufsleben. Denn mit dieser Tragweite und diesem Ausmaß an Veränderung hatte wohl keiner gerechnet.

 

Gab es Momente oder Erlebnisse, die Sie besonders beeindruckt haben?

Ich persönlich habe auf viele Dinge einen anderen Blick bekommen. Ich denke da zum Beispiel an die Bilder aus Venedig, wo das Wasser in den Kanälen plötzlich wieder klar war. Oder an den blauen Himmel ganz ohne Kondensstreifen. Die Krise hat es geschafft, ein größeres Bewusstsein für Nachhaltigkeit zu generieren. Und wir schauen auch bewusster auf die Gesellschaft und darauf, was einzelne Berufsgruppen wie etwa Pflegekräfte oder die Angestellten in den Supermärkten täglich leisten.  Meine große Hoffnung ist außerdem, dass die Krise perspektivisch die Interessen der verschiedenen Generationen näher zusammenbringt.  

„Es braucht Krisen, um Veränderung zu bewirken.“

Was hat sich in Ihrem beruflichen Alltag verändert?

In der Business-Welt fand ich es beeindruckend, wie Unternehmen und Öffentliche Hand und auch die Unternehmen untereinander zusammengerückt sind. In den ersten Wochen der Pandemie haben wir von SAP gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt innerhalb kürzester Zeit eine Rückhol-App entwickelt für Deutsche, die im Ausland gestrandet waren. Ein anderes Beispiel ist die Corona Warn-App, die mit über 25 Millionen Downloads eine wichtige Säule in der Corona-Strategie Deutschlands ist. Das Projekt-Team hat die App in enger Zusammenarbeit u.a. mit der Telekom in Rekordzeit entwickelt. Und das in komplett virtueller Zusammenarbeit.  

Und SAP intern? Viele Unternehmen berichten, dass die Krise die Digitalisierung enorm beschleunigt habe. Ist das in einem Softwareunternehmen auch so?

Es braucht Krisen, um Veränderung zu bewirken, denn sie wirken wie Katalysatoren. Die Digitalisierung hätte ohne Krise nie diese Geschwindigkeit aufgenommen. Wir bei SAP waren in der privilegierten Situation, dass wir dank unserer Infrastruktur technisch von heute auf morgen auf virtuelles Arbeiten umstellen konnten, zumindest in der internen Kommunikation. Trotzdem war es auch für uns eine große Veränderung, aus dem physischem Berufsalltag in Walldorf plötzlich ins Homeoffice zu wechseln. Der Business-Alltag im Homeoffice ist viel dichter gepackt, als wir es kannten. Bei allen, die kleine Kinder haben, kommen noch die Alltagsthemen der Familie hinzu. Auch darauf müssen wir als Arbeitgeber ein Auge haben und noch viel bewusster auf das Wohl unserer Mitarbeitenden schauen.   

Wie gestaltet sich der Kundenkontakt in Pandemie-Zeiten?

In der Interaktion mit unseren Kunden hat mich überrascht, dass wir mehr oder minder nahtlos in ein virtuelles Miteinander übergehen konnten. Wir diskutieren unsere Lösungen mit Kunden und Partnern fast ausschließlich über digitale Medien, wir verhandeln Verträge virtuell und schließen sie auch virtuell ab. Auch wenn wir hoffentlich bis Jahresende zu einem New-Normal-Alltag zurückkehren können, werden wir, glaube ich, nicht mehr komplett auf das alte Modell umschalten. Da haben sich mittlerweile einfach Effizienzen eingestellt, auf die niemand mehr verzichten mag.

„Die konsequente Ausrichtung am Kunden führt zwangsläufig dazu, einzelunternehmerische Interessen zu hinterfragen und das eigene Handeln neu zu denken.“

Lassen Sie uns einen Blick auf die Finanzbranche werfen: Sie stand auch schon vor der Pandemie vor großen Herausforderungen – digitaler Wandel, regulatorische Anforderungen, sich ändernde Kundenbedürfnisse, steigender Kostendruck und ein anhaltend niedriges Niedrigzinsniveau sind nur einige Stichworte. Wie nehmen Sie aus SAP-Perspektive die Branche derzeit wahr?  

Die genannten Themen verfolgen uns schon seit Längerem. Und auch hier wirkt die Krise als Beschleuniger. Dinge, die seit Jahren diskutiert wurden, werden jetzt umgesetzt. Ein Beispiel: Selbst beim Bäcker um die Ecke kann ich meine Brötchen mittlerweile bargeldlos bezahlen. Das ist eine Kleinigkeit, aber sie zeigt: Die Krise beschleunigt Veränderungen im Konsumentenverhalten, auch was Finanzdienstleistungen angeht.  

Was heißt das für die Banken?

Aus unserer Sicht müssen die Banken nun zwei Richtungen verfolgen: Das ist zum einen die konsequente Ausrichtung an den Bedürfnissen der Kunden – also weg von der Produktdenke. Der zweite große Trend ist der hin zu Plattformen und Ökosystemen, also zu digitaler Vernetzung über Unternehmensgrenzen hinweg. Diese Plattformen und Ökosysteme können sich nicht bilden, wenn jeder nur in den Bahnen des einzelnen Unternehmens denkt. In der betrieblichen Altersvorsorge tun sich zum Beispiel verschiedene Unternehmen aus der Versicherungswirtschaft zusammen. Ich denke, dass auch Finanzunternehmen lernen müssen, gemeinsam für die Kunden zu arbeiten. Die konsequente Ausrichtung am Kunden führt zwangsläufig dazu, einzelunternehmerische Interessen zu hinterfragen und das eigene Handeln neu zu denken. Der Blick nach vorne heißt: Gemeinsam mit Partnern ein einzigartiges Kundenerlebnis schaffen.

„Die neue Normalität wird virtueller sein und gleichzeitig wird sie das Beste aus der alten Welt integrieren."

Welche Trends zeichnen sich außerdem für die Zukunft ab?

Ich habe das Gefühl, dass wir mit einem gestärkten Bewusstsein für das Thema Nachhaltigkeit aus der Krise gehen werden. Als SAP haben wir vor diesem Hintergrund die Initiative Climate 21 ins Leben gerufen: Gerade für das produzierende Gewerbe wollen wir unsere Software so gestalten, dass Klimaschutzaspekte in den Wertschöpfungsketten transparent werden und die Unternehmen die Möglichkeit bekommen, das aktiv zu managen. In meinem Bereich bekommen wir gerade viel Feedback von den Banken zum Thema nachhaltige Finanzen. Das betrifft das Anlageverhalten ebenso wie das Kreditgeschäft. Hier sehen wir auch ganz neue Modelle, wie etwa „pay per use“, die weggehen vom klassischen Kredit. Hier suchen wir aktiv das Gespräch mit unseren Bankkunden, um zu sehen: Wohin geht der Weg? Und was sind die Erfahrungen im Austausch mit den Kunden?


Was gibt Ihnen persönlich bei all den Herausforderungen und Aufgaben, die vor Ihnen liegen „Zuversicht für Morgen“?   

Wir in Deutschland sind ein starkes Land und eine starke Gesellschaft. Ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, dass wir aus der Krise wieder herauskommen. Spätestens 2022 werden wir, glaube ich, ein „New Normal“ haben. Wir werden künftig nicht mehr zu jedem Meeting nach Hamburg fliegen. Da nehme ich mich selbst nicht aus, das hat man in der Vergangenheit einfach nicht hinterfragt. Die neue Normalität wird virtueller sein und gleichzeitig wird sie das Beste aus der alten Welt integrieren – also die Bereiche, in denen wir den physischen Austausch brauchen. 


Übrigens: Dies ist ein Beitrag aus unserem Geschäftsbericht 2020. Den vollständigen Geschäftsbericht finden Sie hier.

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