„Wir müssen Unterschiedlichkeit zulassen“

Vom Sport lernen, wie Gemeinschaft funktioniert

Ein Bericht von Nicole Pollakowsky | 03.06.2022

Zusammenhalt – im Sport und anderswo – erfordert permanenten Austausch und gegenseitiges Interesse, sagt der Geschäftsführer der TSG Hoffenheim, Sportpsychologe Prof. Dr. Jan Mayer. Ein Gespräch über den Nutzen von Perspektivwechseln, über die Chance des Zusammenrutschens und über fast vergessene Glückmomente.

Zusammenhalt im Sport

Herr Professor Mayer, gerade sportliche Erfolge zeigen immer wieder eindrucksvoll, was Teamgeist alles vermag. Aber Zusammenhalt und Wir-Gefühl sind keine Selbstläufer. Aus Sicht des Sportpsychologen: Wie entsteht Teamgeist und wie kann man ihn fördern?

Prof. Jan Mayer: Wie wichtig Teamgeist ist, erleben wir jeden Tag, nicht nur im Sport – aber wir sehen auch, wie schnell Zusammenhalt wieder verloren gehen kann. Es ist normal, dann erst einmal mit dem Finger auf andere zu zeigen und die Schuld im Außen zu suchen. Zielführender ist es aber, bei sich selbst anzufangen, auch wenn dieser Ansatz unangenehmer ist. Denn häufig folgen wir unbewusst bestimmten gelernten Mustern.

 

Was für Muster sind das?

Das sind etwa Neid, Status, Macht, Konkurrenzdenken. Das lernen wir schon in der Schule: Einer muss immer der Beste sein. Um Teamspirit aufzubauen, gilt es, aus diesen Mustern rauszukommen.

Aber gerade im Sport spielen Ehrgeiz und Wettbewerbsdenken doch eine zentrale Rolle, oder?

Ehrgeiz kann helfen, das eigene Potenzial optimal zu entwickeln. Aber auf dem Platz geht es letztlich nur mit Respekt und gegenseitiger Unterstützung – das sind die Grundpfeiler der Exzellenz. Bei der Teamentwicklung geht es darum, das Ego zu überwinden und immer wieder zu reflektieren: Verhalte ich mich im Sinne der Mannschaft?

Jedes erfolgreiche Team lebt auch von der Unterschiedlichkeit seiner Spielerinnen und Spieler. Wie gelingt es, individuelle Stärken und gleichzeitig den Zusammenhalt zu fördern?

Je größer die Unterschiedlichkeit, desto mehr muss man in gegenseitiges Interesse und Verständnis investieren. Statt immer nur den Rollenträger zu sehen, also den Stürmer, die Eventmitarbeiterin, den Greenkeeper, sollten wir hin zum Menschen kommen und zu seiner Sicht auf die Welt. Dieser Perspektivwechsel ist wichtig, denn so lernt man, miteinander umzugehen – das ist Teambuilding.

Also Teambuilding als Prozess, nicht als Event?

Ich glaube, kein Trainer würde heute noch sagen, dass Teambuilding nur ein Event ist. Erfolgreiche Trainer widmen einen großen Teil ihrer Arbeitszeit dem Austausch mit ihren Spielern. Es ist wichtig, diese interne Kommunikation nicht als Kaffeeklatsch abzutun, sondern eine Investition in die Kultur des Miteinanders darin zu sehen. Kommunikation wird oft nur als Reden verstanden, aber es geht um viel mehr: darum, einander zuzuhören, kontinuierlich im Austausch zu bleiben und aufeinander zuzugehen. In vielen Unternehmen und auch in der Gesellschaft sind wir davon leider weit entfernt. Andersartigkeit ist ja fast zur Bedrohung geworden. Wer heute sagt, dass auch andere Meinungen zu akzeptieren sind, steht plötzlich in einer ganz komischen Ecke. Ich glaube, dass die Gesellschaft sehr viel arbeiten muss, um wieder Unterschiedlichkeit zu ertragen. Das ist ganz wesentlich, denn wenn wir Unterschiedlichkeit nicht zulassen, werden wir auch nicht zur Potenzialentfaltung kommen und nicht als Team agieren können.

Es ist ja auch immer viel die Rede von der Krise als Chance. Welche Chance erkennen Sie in der aktuellen Situation?

Aus der Psychologie ist der Effekt bekannt, dass bedrohliche Situationen den Zusammenhalt fördern. Allerdings muss das gut moderiert sein, um nicht in die Spaltung zu geraten. Wichtig ist es, den Moment des Zusammenrutschens nicht leichtfertig zu vergeben, sondern ihn zu nutzen und zu vermitteln: Wir kommen da gemeinsam durch, wir respektieren und unterstützen uns gegenseitig.

Sportvereine gelten speziell in Deutschland als wichtige Orte, wo Gemeinschaft und Zusammenhalt gelebt wird. Doch nicht erst seit Corona leiden viele Vereine unter Mitgliederschwund. Was läuft falsch?

Ich glaube nicht, dass die Vereine etwas falsch machen. Ich habe eher das Gefühl, dass wir als Gesellschaft egozentrischer unterwegs sind: Es geht ums Ich, ums Abgrenzen, um Konkurrenz. Das Ergebnis spüren die Vereine, die ja etwas für die Gemeinschaft tun. Dazu kommt die Pandemiesituation: Alles, was gemeinsam ist, ist potenziell verboten und/oder gefährlich. Ein weiteres Problem: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Viele haben ihre Freizeitbeschäftigung umgestellt, viele joggen jetzt zum Beispiel statt im Verein zu trainieren. So eine Entwöhnung wieder zurückzudrehen, kostet Zeit.

Was können die Vereine tun?
 

Sie können Angebote machen und darauf hinweisen, wie attraktiv es ist, gemeinsam Sport zu machen und Gesellschaft zu haben. Und sie können Anreize und besondere Erlebnisse schaffen, damit die Menschen merken: Stimmt, da war was, das hat gefehlt. Ich selbst hatte so ein Gefühl im Frühjahr, als beim Spiel Hoffenheim gegen Bayern München unser Stadion zum ersten Mal wieder fast voll war. Zwar waren alle Straßen verstopft und es gab einen riesigen Stau, aber die Leute sind geströmt und die Stimmung war super – das hatte was. Da kam etwas wieder hervor, was verloren war.

 

Zur Person

Prof. Dr. Jan Mayer, Jahrgang 1972, ist Sportwissenschaftler und Diplom-Psychologe. Er ist seit 2021 in die Geschäftsführung der TSG 1899 Hoffenheim berufen, lehrt an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement in Saarbrücken, ist Honorarprofessor am Sportwissenschaftlichen Institut der Universität des Saarlandes und berät den Deutschen Olympischen Sportbund.

Als Sportpsychologe betreute Jan Mayer seit über 20 Jahren Spitzensportler aus unterschiedlichen Disziplinen, darunter Einzelsportler ebenso wie Teams, zum Beispiel die Adler Mannheim, die TSG 1899 Hoffenheim, die Rhein-Neckar Löwen und den Golfclub St. Leon-Rot.  

 

 

Übrigens: Dies ist ein Beitrag aus unserem Geschäftsbericht 2021. Den vollständigen Geschäftsbericht finden Sie hier.

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