„Schule ist der Ort, an dem sich Menschen begegnen, um miteinander und voneinander zu lernen“

Innovatives Lernen oder alles beim Alten? Wie sieht Schule der Zukunft aus?

Ein Bericht von Silvia Singler | 21.04.2021

Die Oberstudiendirektorin Dr. Svenja Kuhfuß ist seit 2012 Schulleiterin am Ottheinrich-Gymnasium in Wiesloch. Die promovierte Anglistin unterrichtet die Fächer Englisch und Evangelische Religion an ihrer Schule. Als Schulleiterin sieht sie gemeinsam mit dem Schulleitungsteam ihre Aufgabe darin, die derzeit etwa 1.000 Schüler:Innen auf die Herausforderungen nach der Schulzeit optimal vorzubereiten.

Frau Dr. Kuhfuß

Frau Dr. Kuhfuß, die aktuelle Situation ist günstig, bestehende Muster des Bildungssystems zu hinterfragen und ggf. nachhaltig zu ändern. Wie beurteilen Sie die derzeitigen Gegebenheiten an Ihrer Schule?

Dr. Kuhfuß: Nach meinem Verständnis ist es unser gemeinsames Ziel, unsere Schüler:Innen auf das Abitur vorzubereiten. Damit bereiten wir sie auf ein Studium an einer Hochschule bzw. auf das Berufsleben vor. Das ist für mich die originäre Aufgabe des Gymnasiums – Schüler:Innen die Studierfähigkeit zu vermitteln. Und hierbei ist mir insbesondere eine polyvalente, also eine breit gefächerte Wissensvermittlung als Basis für effektives Lernen im Unterricht sehr wichtig. Es geht dabei nicht ausschließlich darum, zum Beispiel die Vokabeln oder die Grammatik einer anderen Sprache zu lernen, sondern im Vordergrund steht die Vermittlung der kommunikativen und der kulturellen Kompetenz. Wir als Schule sind dafür da, den geforderten akademischen Lehrstoff zu vermitteln, Impulse für das weitere – möglichst selbstständige – Lernen zu setzen und den Wissenstransfer in die Praxis zu fördern und zu ermöglichen.

„Die Krise hat für mich auch deutlich gemacht, dass der Präsenzunterricht durch nichts zu ersetzen ist.“

Wenn Sie sich aus heutiger Sicht vorstellen, wie soll bzw. kann die Schule in fünf Jahren ihre Aufgaben zum Wohle der Kinder erfüllen, wie würden Sie Ihre Vision vom Lernen in der Zukunft beschreiben?

Ich glaube, dass die Schule in Zukunft noch mehr von der Begegnung und der Kommunikation geprägt sein wird. Wir werden zunehmend dafür verantwortlich sein, in der Schule Freiräume und die Möglichkeiten zu schaffen, diese Form der Kommunikation – Vernetzung von erlerntem Wissen mit gemachten Erfahrungen – zu unterstützen.

Die Krise hat für mich auch deutlich gemacht, dass der Präsenzunterricht durch nichts zu ersetzen ist. Das gemeinsame Lernen in der Schulgemeinschaft wird durch die Diskussionen in der Gruppe gefördert. Auch das arbeitsteilige Lernen und die hiermit verbundene Notwendigkeit, Teamfähigkeit zu erlernen, sind wesentliche Aspekte des Präsenzunterrichts. Einige Schüler:Innen haben mir bestätigt, dass beim Lernen allein vor dem PC weniger „hängen bleibt“ als beim Unterricht in der Schule; es würden überwiegend Fakten gelernt. Es fehlt die Vernetzung mit dem Vorwissen. Das kann nur erreicht werden, wenn Menschen sich treffen und sich austauschen.

Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten werden den Schüler:Innen und Lehrer:Innen helfen und wie kann diese die Schule vermitteln?

Wenn es Lehrkräften gelingt, den Schüler:Innen Neugier zu vermittelt, kann echte Freude am Lernen entstehen. Dann machen Schüler:Innen Erfahrungen von Selbstwirksamkeit – durch die Anwendung des Gelernten innerhalb und außerhalb der Schule. Hierbei ist es die Aufgabe der Lehrkräfte, den Rahmen für diese Prozesse zu schaffen, indem sie – wie bereits erwähnt – im Unterricht neben der Vermittlung von Wissen den Austausch zwischen den Schüler:Innen ermöglichen.

Welche Rolle spielen die Lehrer:Innen und Eltern bei dieser Vision?

Die Lehrkräfte und die Eltern bilden im Optimalfall eine sich ergänzende Erziehungspartnerschaft – eine gemeinsame Sorge zum Wohle der Kinder. Hier gilt es, den Blick auf das Wesentliche nicht zu verlieren. Es müssen in der Schule und auch im häuslichen Umfeld die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass die Kinder „gut“ lernen können. Die Lehrer:Innen können zwar Kenntnisse vermitteln und zum vernetzten Denken anregen, aber die Verantwortung für gelingendes Lernen kann nicht allein bei der Schule liegen. Im Idealfall unterstützen und gestalten die Eltern diesen Prozess auch im außerschulischen Bereich.

„Ich bin sicher, dass die aktuellen Erfahrungen des digitalen Lernens gewinnbringend in den Unterricht nach der Pandemie einfließen werden“

Können Sie sich eine sinnvolle Verzahnung von Homeschooling und Präsenzunterricht auch nach der Covid-19-Pandemie vorstellen?

Ich bin sicher, dass die aktuellen Erfahrungen des digitalen Lernens gewinnbringend in den Unterricht nach der Pandemie einfließen werden, aber ich bin eher skeptisch, wenn es um Homeschooling im Sinne von tageweisem Lernen zu Hause am PC oder Tablet geht. Diese Form des Lernens kann den direkten Austausch und die persönlichen Begegnungen zwischen Menschen, die in der Schule stattfinden, nicht ersetzen.

Man darf bei der Diskussion um Homeschooling nicht außer Acht lassen, dass bei dieser Form der Beschulung das familiäre Umfeld eine sehr wichtige Rolle spielt. Nicht alle Schüler:Innen haben zu Hause optimale Voraussetzungen für das digitale Lernen, und nicht alle sind es gewohnt, über längere Zeit hinweg selbstständig zu arbeiten und den Tagesablauf so zu gestalten, dass alle schulischen Aufgaben konsequent und erfolgreich erledigt werden. Es hat sich gezeigt, dass das Homeschooling – zumindest unter den aktuellen Pandemiebedingungen – soziale Ungerechtigkeiten eher verstärkt als mindert. Dagegen schafft die regelmäßige Präsenz in der Schule für die meisten Schüler:Innen eine klare Struktur beim Lernen und bietet für die Lehrkräfte ein breiteres Spektrum an Unterstützungsmöglichkeiten.

Eigentlich gibt es ja schon immer Homeschooling in Form von Hausaufgaben, beispielsweise um das in der Schule Gelernte zu vertiefen und einzuüben, um längere Texte zu schreiben oder Referate vorzubereiten. Schon vor der Pandemie wurden die Notwendigkeit und der Nutzen von Hausaufgaben immer wieder kontrovers diskutiert.

Ein interessanter Ansatz im Bereich des schulischen Lernens ist übrigens das Konzept des „Flipped Classroom“. Diese Unterrichtsmethode bezeichnet ein integriertes Lernen, in der die Hausaufgaben und die Stoffvermittlung insofern vertauscht werden, als die Lerninhalte zu Hause von den Lernenden erarbeitet werden und die Anwendung im Schulunterricht geschieht. Vielleicht eine interessante Alternative des Lernens für die Zukunft.

Was gibt Ihnen die Zuversicht, dass Ihre Vision vom „Lernen in der Zukunft“ Realität wird?

Die Tatsache, dass die Schüler:Innen ebenso wie die Lehrkräfte und die Eltern in den Zeiten der COVID-19-Pandemie die Schule schmerzlich vermissen hat die gesellschaftliche Bedeutung der Schule stärker in den Fokus gerückt. Dass die Schüler:Innen gerne in die Schule zurückkehren, um miteinander zu lernen und sich mit ihren Mitschüler:Innen und Lehrkräften fachlich und privat auszutauschen – dass gibt mir große Zuversicht, dass die Schule sich weiterentwickeln und auch in Zukunft unersetzlich sein wird.

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